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Intellektuelles Eigentum - Warum der Missbrauch so einfach ist!

Liebe Leser,

in Fortführung der Post-Reihe zum Thema “Intellektuelles Eigentum” möchte ich heute Antworten auf die Frage liefern, warum der Missbrauch von Intellektuellem Eigentum oder genauer die unrechtmäßige Anneignung und Verwertung intellektueller Ressourcen besonders einfach bzw. lohnend ist.

In den Eigenschaften von intellektuellem Eigentum liegt der Schlüssel:

1.
Digitalisierung von Intellektuellem Eigentum

E
in erster Ansatzpunkt für eine differenzierte ökonomische Beurteilung der Schutz­be­dürf­tigkeit verschiedener Ausprägungen des Intellektuellen Eigentums ist – als Gegen­stück zur physischen Manifestierung – ihre Digitalisierbarkeit. Der Digitalisierungsgrad bestimmt, wie in der Beschreibung der weiteren Eigenschaften anhand von Beispielen verdeutlicht, maßgeblich die Möglichkeiten und Kosten der Reproduktion und Distri­bution menschlicher Geistesleistungen. Intellektuelles Eigentum, zum Beispiel Musik, Software, Filmaufnahmen, in digitale Einheiten zu überführen, bedeutet, dass die ihm zugehörigen beziehungsweise innewohnenden Informationen in Datenketten (Binärcode) umgewandelt werden. Diesen zunehmend einfachen und wenig kostenintensiven Prozess kann man sinnbildlich als Übergang von Atomen zu Bits beschreiben. Daneben existieren Intellektuelle Güter, die man bisher nicht digitalisieren kann. Dazu zählen materialisierte Ergebnisse geistiger Arbeit, zum Beispiel Skulpturen und Gemälde.

2. First Copy Cost und die Möglichkeit zur Reproduktion Intellektuellen Eigentums

Kostenverläufe

Die Schaffung und die Konkretisierung von Intellektuellem Eigentum sind häufig mit hohen und zudem gewidmeten Anfangsinvestitionen (First Copy Cost) verbunden, die Fixkostencharakter tragen. Im Verhältnis entstehen bei seiner Vervielfältigung oftmals weitaus geringere variable Stückkosten. Eine solche Kostenstruktur zieht in der Mehrzahl aller relevanten Fälle Economies of Scale nach sich. Die Gründe hierfür sind im Wesentlichen darin zu suchen, dass mit proportional zunehmender Ausbringungsmenge durch Fixkostendegression die durchschnittlichen Stückkosten überproportional sinken. Das Ausmaß und die Möglichkeiten zur Realisierung von Skaleneffekten werden insbesondere vom Grad der Digitalisierbarkeit innovativer und kreativer Werke bestimmt.

Die Gesamtkostenverläufe materieller, nicht digitalisierbarer Intellektueller Güter entsprechen durch nicht zu vernachlässigende variable Stückkosten annähernd denen klassischer physischer Produktionsprozesse. Als Beispiel lassen sich Automobile und medizinische Geräte anführen, deren Entwicklung relativ hohe Kosten verursacht. Diese Güter können nicht ohne erheblichen Aufwand reproduziert werden. Für ihre Reproduktion bedarf es, um nur einige Voraussetzungen zu nennen,

  • kostenintensiver technischer Hilfsmittel, zum Beispiel Maschinen und Werkzeuge,
  • infrastrukturellen Voraussetzungen, zum Beispiel ausgedehnte Räumlichkeiten, sowie
  • physischen Vorleistungen, Vorleistungsprodukten und Werkstoffen.

Darüber hinaus benötigen Hersteller methodische Fähigkeiten, Erfahrungen und dezidiertes Know-how sowohl im Erkennen der in materiellen innovativen und kreativen Werken enthaltenen Information als auch für ihre Übertragung durch Werkstoffbearbeitung auf andere physische Objekte.

Ausgeprägte First Copy Cost-Strukturen findet man in Indu­strien mit hohem Empiriegrad, das heißt Industrien, in denen Innovationen oft zufällig oder durch hohen Aufwand gefunden werden, sich dann aber durch einfach zu kopierende (digitalisierbare) Formeln, Diagramme und Beschreibungen ausdrücken beziehungsweise kodifizieren lassen. Dazu gehören etwa die Chemie, Pharmazie und Mikroelektronik. Doch auch die Herstellung digitalisierbarer Medienprodukte ist in der Regel durch relativ hohe First Copy Cost gekennzeichnet. Produzenten solcher Intellektueller Güter bietet der Einsatz digitaler Reproduktionstechnologien die Möglichkeit, die Herstellung von Kopien für den Weiterverkauf ökonomischer zu realisieren. Im Vergleich zu den Voraussetzungen für die physische Reproduktion Intellektueller Güter sind dabei anfallenden Kosten zwar eher gering, aber ausschlaggebend für die Bereitschaft, Intellektuelles Eigentum gegen den Willen der Rechteinhaber zu appropriieren und zu nutzen.

Qualitäts- und Zeiteffekte

Qualitäts- und Zeiteffekte der Vervielfältigung sind ebenfalls von Bedeutung. Sie stehen – wie die Reproduktionskosten – in enger Verbindung zur Digitalisierbarkeit. Eine Kopie von digitalisiertem Intellektuellem Eigentum unterscheidet sich nicht vom Original; jede Kopie ist ein Original. Digitale Kopien lassen sich außerdem ohne besonderen Zeitaufwand in beliebiger Menge herstellen. Für nicht digitalisierbare Ergebnisse geistiger Arbeit gilt hingegen, dass das Anfertigen einer Kopie zumeist mit einem Qualitätsverlust verbunden ist und offensichtlich ein hohes Maß an Zeit erfordert.

3. Distribution von Intellektuellem Eigentum

Hinsichtlich der Distributionsmöglichkeiten für Intellektuelles Eigentum ist ebenfalls eine inhärente Ausdifferenzierung notwendig. Nicht digitalisierbares Intellektuelles Eigentum lässt sich nur in physischer Form über herkömmliche Distributionswege zwischen zwei geographisch getrennten Orten transportieren. In der Regel bedarf es dazu Träger-, mitunter auch Verpackungsmaterial und, insofern Anbieter Distributionsleistungen aus ökonomischem Kalkül nicht selbst erbringen wollen oder dazu nicht befähigt sind, der Einbeziehung von Intermediären.

Intellektuelles Eigentum im digitalen Zustand kann hingegen über elektronische Datenkanäle, zum Beispiel das Internet, direkt an Interessenten distribuiert werden. Selbst unter Berücksichtigung der Kosten für den Einsatz von Transfertechnologien und für die Absorption relevanter Wissens­bestandteile ist der Aufwand digitaler Distribution in Relation zum physischen Transport eher gering. Für einen digitalen Datentransfer benötigt man zum Beispiel im herkömmlichen Sinn kein Träger- und Verpackungsmaterial. Schließlich ist noch in Betracht zu ziehen, dass sich in Abhängigkeit der Transferkapazität der Netzwerke die Dauer von Distributionsprozessen bei digitalisiertem Intellektuellem Eigentum verkürzen lässt.

4. Nichtrivalität des Konsums von Intellektuellem Eigentum

Eine weitere Besonderheit verschiedener Aus­prägungen Intellektuellen Eigentums besteht in der Nichtrivalität ihres Konsums, das heißt, sie können mehrfach beziehungsweise zeitgleich durch beliebig viele Marktakteure an verschiedenen Orten genutzt werden. Da die betreffenden geistigen Leistungen dabei keine wertmäßige Abnutzung erfahren, durch Nutzung nicht veralten und sich nicht ver­brauchen, wird die Bedürfnisbefriedigung aus der Nutzung für einzelne Akteure in keiner Weise beeinträchtigt. Software funktioniert zum Beispiel auch nach vielen Anwendungen und Kopien unverändert. Aus dieser Darstellung wird bereits deutlich, dass sich nicht rivale Intellektuelle Güter interessierten Nachfragern zunächst kaum vorenthalten lassen, auch wenn sie den geforderten Preis nicht zu zahlen bereit sind. Denn sobald man eine Kopie verkauft, gibt es mehr als einen potenziellen Anbieter von Nutzungsmöglichkeiten.

Unter Berücksichtigung der verschiedenen Möglichkeiten, Intellektuelle Leistungen mit physischen Objekten zu koppeln oder zu verschmelzen, ist die implizierte Verallgemeinerung der Positionierung geistiger Arbeitsergebnisse als unbegrenzte Ressourcen allerdings zu relativieren. Es existieren Wirtschaftsgüter Intellektuellen Ursprungs beziehungsweise Inhalts, um deren ökonomische Verwertung Nachfrager – losgelöst von der Möglichkeit der Reproduktion – konkurrieren müssen beziehungsweise deren Konsum einer „Staugefährdung“ unterliegt. Dazu zählt intuitiv materialisiertes Intellektuelles Eigentum, zum Beispiel realisierte Produktinnovationen. Innovative und kreative Werke, die in diese Eigentumskategorie fallen, vereinen auf sich Eigenschaften, die eher auf eine begrenzte Verfügbarkeit schließen lassen.

Ausblick für den nächsten Post: “Das Kalkül der Schädiger”

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