Sie befinden sich aktuell in den Archiven des Blogs Wer nur am Ufer schwimmt, gelangt nie zu wahrer Tiefe. für März, 2008.
3.3.2008 von Dr. Jan Hachenberger.
Liebe Leser,
in meinem letzten Blog-Eintrag hatte ich den Namen eines bekannten Ostalgie-Brettspiels angeführt: „Überholen ohne Einzuholen“. Nach längerem Überlegen und Diskussionen mit meinen Kollegen kam ich zu folgendem Schluss: Überholen ohne Einzuholen, dass trifft auch auf die Kultur zahlreicher Unternehmen zu. Wie komme ich zu diesem Schluss. Wir leben doch in einer Marktwirtschaft, Geld regiert die Welt. Gewinnstreben müsste das hehre Ziel jedes Unternehmers respektive jedes Unternehmens sein, besser werden; Marktdarwinismus, also „survival of the fittest“ oder „die Besten überleben“. Besser werden um jeden Preis, auch um den der Personalfreisetzung. Schöner Begriff, das klingt nicht so negativ wie Kündigung. Hat aber etwas von Eigentumsverzicht. Du, Arbeiter gehörst mir, du bist Produktionsfaktor, wenn ich dich nicht mehr brauche, lasse ich dich frei. Doch die zigtausend gefährdeten Arbeitsplätze, von denen aktuell in der Presse und im Rundfunk die Rede ist, sind nur die Konsequenz einer Unternehmenskultur, die sich auf Shareholder Value fokussiert. Fast so wie bei Germany’s Next Top Modell. Du musst als Unternehmen sexy sein. Wonach beurteilt man den Sexappeal einer Frau? Natürlich nach Äußerlichkeiten, dem was Man(n) sieht. „Du bist zu dick“. Klare Ansage des Modellcoachs. „Du hast zu hohe Kosten, du musst abspecken.“ Klare Ansage der Aktionäre.
Und das Ende vom Lied: Die Strategie oder vielmehr Taktik (Eine Strategie ist ein längerfristig ausgerichtetes planvolles Anstreben einer vorteilhaften Lage oder eines Ziels.) der Unternehmen besteht darin, diesem Anspruch in immer kürzeren Abständen (heutzutage i.d.R. bis zur Vorlage der nächsten Quartalszahlen) zu genügen. Gewinne, ja, das kommt zuerst, doch dann bitte auch alle Fettpölsterchen weg, Body Mass Index < 19. Also wird auf Teufel kommt raus gespart, gekürzt, verzichtet. Von diesem Kurzfristdenken u.a. betroffen: Projekte, wobei die schon gar nicht mehr diesen Namen verdienen. Heute spricht man schon mal gerne von Initiativen. Die können als singuläre Entscheidung existieren und sind, bevor man sie wahrnehmen konnte auch schon wieder vorbei. Denn es geht doch gar nicht mehr um das Wesentliche, nämlich darum, Ursachen für Probleme zu identifizieren und abzustellen. Nein, Quick Wins müssen her, pronto, möglichst schnell, am besten sofort, quick eben. Die Braut - die sonst keiner haben wollte - muss hübsch gemacht werden, Schleier drüber, vor den Altar und hoffentlich ein beiderseitiges „Ja, ich will“ von Aktionär und Unternehmen. Und dann – aaah, alle sind glücklich, haben Tränen der Rührung in den Augen. Bitte noch rasch ein paar Fotos als Erinnerung. So gut werden wir nie wieder aussehen … aber vor der Hochzeitsnacht bitte nicht den Schleier heben, was wäre das für ein Schock. Als großer Grimm-Fan empfehle ich hierzu das Märchen „Jungfrau Maleen“ unter http://www.maerchenlexikon.de/khm/khm-texte/khm198.htm.
Ein anderer hoch interessanter Effekt. Die Mitarbeiter, selber ein Kostenfaktor und damit potenziell gefährdet, verfallen in ein ähnliches Verhaltensmuster wie das Unternehmen in dem sie arbeiten. Ich, Mitarbeiter, muss meinem Vorgesetzten zeigen, dass ich zum einen unersetzbar und zum zweiten völlig ausgelastet bin. Bei mir zu kürzen wäre ein fataler Fehler. Also üben sich alle in operativer Hektik. Doch am Ende alles nur Schein, heiße Luft, tolle Verpackung, wenig oder kein Inhalt. Man fühlt sich geradezu in das 1. Jahrhundert nach Christus versetzt. Damit der römische Kaiser Caligula nicht als großer Versager aus seinem Britanienfeldzug heimkehren musste, ließ er damals seine Truppen an den Stränden des Ärmelkanals Seemuscheln sammeln, die als exotische Beutestücke den Erfolg der Operation suggerieren sollten. Zurück in Rom folgte der obligatorische Triumphzug. Heute wäre das wohl die jährliche Hauptversammlung eines börsennotierten Unternehmens. Natürlich dient operative Hektik vielfach als Deckmäntelchen für andere Probleme, z.B. für eine fehlende Strategie, für mangelnde Führungsstärke, für aufbau- wie auch ablauforganisatorische Unklarheiten, für aufgetretene Fehler, …
Der Effekt ist in jedem Fall der gleiche. Es wird hektisch mit den Flügeln geschlagen, ohne wirklich abzuheben. Fliegen hat man verlernt, aber es sieht einfach professioneller oder sexy aus, wenn man zum Schein noch so tut, als könne man Fliegen. So einen Mitarbeiter kann man doch nicht einfach freisetzen, glauben viele und trotzdem werden sie entlassen. Positives Gegenbeispiel aus der Natur gefällig? Ameisen, klein aber oho. Ein wahres Gewusel, aber alle – obschon von begrenzter Intelligenz oder vielleicht gerade deswegen – dienen ohne Rücksicht auf eigene Bedürfnisse dem Großen und Ganzen und zwar mit System. Die einen suchen nach Nahrung, andere beschützen die Nahrungssucher und die gesamte Kolonie. Wiederum andere, eigentlich nur eine, nämlich die Königin, legt die Eier, andere kümmern sich um den Nachwuchs. Klare Prozesse, klare Zuständigkeiten, klare Schnittstellen – 100 Prozent effektiv und effizient, klare Strategie „Wir wollen uns vermehren und überleben“. Man sollte meinen, dass das auch für Unternehmen gilt. Leider zeigt uns die Realität zu oft ein anderes Bild.
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