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16.2.2007 von Dr. Jan Hachenberger.
Dass der Deutsche mal gern über die Strenge schlägt, ist weithin bekannt. Aber in der Anonymität von Karneval, camoufliert durch blödoide Verkleidungen, da lassen wir erst richtig die Sau raus. Da erkennt uns niemand, wir gehen in der Masse auf und manchmal auch unter … nicht mehr schwarz oder weiß – alles wird grau. Ja grau - denn nach Karneval beginnt die öde Fastenzeit und damit ist bis Ostern alles Fleischliche zu meiden (lat.: carne vale der Abschiedsruf „Fleisch lebe wohl“.). So zumindest der religiöse, historische Hintergrund.
Sie entnehmen meinen Worten, dass ich kein großer Karnevalist bin. Ich mag zwar “Kamelle”, für den Rest kann ich mich allerdings (noch?!) nicht erwärmen. Trotz meiner ambilvalenten Einstellung kam ich in einer ruhigen Minute des Nachdenkens zu folgender Erkenntnis: Zwischen Karneval und der Art und Weise, wie in Unternehmen kommuniziert wird, gibt es gewisse Parallelen.
Und hier tritt nun ein aus psychologischer Sicht interessanter Effekt auf. Wir Menschen lassen uns nämlich gerne führen oder verführen. Im Übrigen, ich bin auch kein Fan von „Wer wird Millionär“. Nichtsdestotrotz ist die Sendung seit Jahren sehr erfolgreich. Soll ich Ihnen das Geheimnis des Erfolgs verraten. Sie, der Zuschauer, versetzen sich automatisch in die Rolle des Ratenden und es kommt noch ein wichtiger Aspekt zum Tragen. Sie müssen bei dem Spiel nicht wirklich Denken. Die richtige Antwort steht garantiert da. Man muss nur wissen ob A, B, C oder D. Und im Falle eines Falles folgt man einfach der Meinung des Publikums (Masse!) oder des intellektuell überlegenen Telefonjokers. Wir werden bereits als Kinder zu diesem konformistischen Verhalten erzogen. „Ordne dich unter – sei Teil des Ganzen – widerspreche nicht!“
Warum soll das „auf Arbeit“ anders sein. Jemand gibt die Marschroute vor und wir laufen los. Geht die Sache schief, war niemand Schuld und jeder will von Anfang an gewusst haben, wie man es hätte besser machen können. Auf die Frage, warum der „Besserwisser“ nicht von Vornherein seine Bedenken zum Ausdruck gebracht haben, erhält man meist die Antwort „Auf mich hört doch keiner.“ Bisweilen sind es aber gerade Kollegen, die einzelne „Revolutzer“ wieder disziplinieren. „Ordne dich unter – sonst laufen wir noch Gefahr mit dir unterzugehen.“ Kennen Sie Management by Champignons: Wer zuerst den Kopf aus der Erde steckt, wird mit Dreck beworfen oder abgeschnitten.
Ich merke schon, eigentlich wollte ich das Thema Macht der Masse auf etwas ganz anderes beziehen. Nun ja, manchmal bin ich nicht Herr über meine Gedanken.
Die oben geschilderten Probleme zeigen sich auch bei neuen Kommunikationsformen, z.B. Wikis, Blogs und Podcasts, d.h. user generated content. Wer sagt eigentlich, dass die Informationen bei Wikipedia richtig sind? Gleichwohl wird kaum ein User die Angaben in dieser Datenbank kritisch hinterfragen, mit Ausnahme einiger aufmerksamkeitsbedürftiger “Besserwisser” - ich überziehe bewusst. Man konsumiert einfach. Wird schon stimmen! Kontrollieren dauert einfach zu lange. Nun mag das für Informationen aus Wikipedia kaum zu Problemen führen, da es sich um eine Universalenzyklopädie handelt. Doch was passiert, wenn ein Unternehmen eine Wiki-Lösung implementiert, in der das Fachwissen von Ingenieuren oder best-practices von Vertriebsmitarbeitern gespeichert werden sollen. Wer sichert hier die Informationsqualität? Ein übergeordnetes objektives Expertenteam? (Kontrolle / Governance). Eher selten. Das widerspräche dem Geiste des „Social Computing“. Meiner Erfahrung nach gewinnt der, der als Erstes eine Information erzeugt – der First Mover. Egal ob richtig, fast richtig, unvollständig oder falsch, die Konsumenten dieser Information werden davon ausgehen, dass der Autor keine Fehler gemacht hat, ja – allwissend ist. Und mit der Anwendung der Informationen kann bisweilen sogar etwas Falsches als richtig deklariert werden = Self-fulfilling Prophecy.
Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist. William Shakespeare, (1564 - 1616)
P.S.: Es gab eine Zeit in Deutschland, wo man Juden als schmutzig bezeichnet hat. Man sperrte Sie in Ghettos, fotografierte ihr Elend und zeigte der restlichen Bevölkerung die Bilder zur Abschreckung. Ja – Juden sind schmutzig. So dachten damals viele. Kaum einer wollte die Wahrheit wissen. Gestorben sind dadurch Millionen.
Geschrieben in Kommunikation, Wissensmanagement, Informationsmanagement | Drucken | Keine Kommentare »